Burlesco

Die Serie der Pulcinellen

Pulcinella

Pulcinella gilt als eine Figur der Commedia dell’Arte, jener Theaterform die sich im Italien des 16. Jahrhunderts aus Zusammenschlüssen verschiedener Komödianten-Gruppen und Jahrmarktskünstlern entwickelte, ihren Höhepunkt vom 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in Venedig und Neapel hatte und ihre Kreise auch außerhalb Italiens, vor allem nach Frankreich zog. Mit der Commedia  dell’Arte verbunden sind Figurentypen, die sich herausbildeten, veränderten und gewisse Eigenschaften und Charakterzüge verkörpern. Erkennbar sind sie an ihren Kostümen und Masken. Da gibt es Pantalone, Arlecchino, Brighella, Columbina und natürlich Pulcinella. Sie alle sind mehr als Rollen, in die ein Schauspieler schlüpft, sie sind Archetypen, keine Einzelwesen, sondern multiple Figuren, mit denen ihre Darsteller verschmelzen.

Pulcinella, der schlaue Komödiant, listig, unverschämt und maßlos. Er gilt als das Alter Ego der Lazzari, der neapolitanischen Armen oder auch Schurken, die unbekümmert in den Tag hineinleben und geradezu philosophisch ihr Dasein mit Witz und derber Ironie fristen. Der Name Pulcinella kommt vom italienischen Wort „pulcino“ für Küken. Entsprechend verleihen ihm Schauspieler oder Puppenspieler eine piepsende, schnarrende oder schrille Stimme. Er ist ein Zwitterwesen aus einem Ei geboren, hat einen Buckel, ein weißes Gewand, einen Hut und eine schwarze vogelähnliche Maske.

Aber eigentlich ist er kein Substantiv, sondern ein Adverb, also kein was sondern ein wie. Pulcinella ist eine Art Haufen, ein Lebensprinzip oder eine Sammlung von Personen.

In der Beschreibung auch: „…nicht einfach Menge und auch nicht Volk, sondern eine höllische Schar von Dämonen und Gespenstern, die alles, was ihr unterkommt, raubt und zerstört.“ Gleichwohl steht dieser Haufen für Friedlichkeit, dessen Lieblingsbeschäftigungen Tanzen, Spaß-Machen, Gewerbe-Treiben und Sich- Verlieben für das Leben schlechthin stehen. Trotzdem ist Pulcinella jedoch zuinnerst allein. Dass er auch eine besondere Beziehung zum Tod hat, wird an seinem gespensterhaften Kostüm sichtbar; man könnte meinen, er gehöre zu den Göttern der Unterwelt, jedoch in einer Weise, die den Tod gewissermaßen überspringt, wodurch es sinnlos ist, ihn zu töten, da er in jedem Fall lachend wieder aufersteht.

Der venezianische Barockmaler Giambattista Tiepolo stellte Pulcinella in etlichen Skizzen, Zeichnungen, Stichen und Ölgemälden als düsteres Wesen mit missgestaltetem, groteskem Körper dar, der ständig damit beschäftigt ist Gnocchi zu kochen, zu essen, zu verdauen und auszuscheiden.

Giambattista Tiepolo: „Urinierender Pulcinella“, 18. Jahrhundert

Noch ausführlicher als der Vater befasst sich sein Sohn Giandomenico Tiepolo mit der Figur des Pulcinella. Zwischen 1793 und 1797 malt er einen Freskenzyklus von Pulcinella und beginnt danach mit 70 Jahren seine letzte Arbeit, ein Album mit dem Titel „Belustigung für Kinder“, in dem er sich der Geburt, dem Leben, den Abenteuern und dem Tod Pulcinellas widmet. Ganz im Gegensatz zu der Interpretation seines Vaters Giambattista wird Pulcinellas Dasein bei Giandomenico heiter und rein und betont die Absurdität der Figur. Seinen Bilderzyklus begann er nicht im Sinne einer Flucht vor der Wirklichkeit, sondern im Gegenteil als Ausdruck einer tragischen Wirklichkeit, die letztlich einer Komödie gleicht. Ausgangspunkt sind die skurrilen Vorgänge im Venedig des Jahres 1797, als der große Rat von Venedig dem Vorschlag des Dogen folgend die Republik an Napoleon Bonaparte verschenkte. Ein Zeitgenosse berichtet von den venezianischen Patriziern, die wie eine ängstliche Schafherde ihr eigenes Ende bestimmen, vom Dogen, der in seine Gemächer rennt und sich seiner Amtsinsignien entledigt und von den Adeligen am Markusplatz, die ihre Perücken und Togen wegwerfen, um nicht erkannt zu werden. Bonaparte tritt Venedig in weiterer Folge an Österreich ab. Der bitteren Erkenntnis, dass die Hoffnung auf Demokratie nicht eintritt, gibt der Venezianer Jacopo Ortis Ausdruck: „Unser Vaterland ist aufgeopfert, alles ist verloren; und das Leben, sollte es uns gewährt bleiben, wird nur noch zum Beweinen unseres Unglücks und unserer Schande dienen.“

Giandomenicos  Pulcinellen-Zyklus zeigt die Ambivalenz von Tragödie und Farce. Pulcinellas Maske lässt weder ein Lachen noch ein Weinen erkennen, beziehungsweise beinhaltet sie beides, so gilt er auch Sinnbild für das gleichzeitige Lachen und Weinen, also die beiden Arten, auf die der Mensch die Grenzen der Sprache erfährt und in Mimik und Laute flüchtet.

Giandomenico Tiepolo: „Pulcinellas Hinrichtung durch andere Pulcinellen in Uniform“, 179

Auch bei Embachers Pulcinellen spielt die politische und gesellschaftliche Komponente eine Rolle und es wird die Frage des Umgangs mit den Phänomenen unserer Zeit behandelt. Pulcinella ist für ihn das Synonym des Freigeistes und des ständigen Erfindens, der das der Kunst immanente Prinzip nicht zweckgerichteter Betrachtung der Dinge und des schöpferischen Umgangs mit ihnen lebt.

In der Kunst spielen die „komischen Figuren“ schon lange eine große Rolle, Sie weisen spitzfindig auf Missstände und Unzulänglichkeiten hin oder erscheinen als Sinnbild des einsamen Reisenden. Bei Picasso ist der Harlekin ein häufiges Thema und der Zirkus eine Art von Parallelwelt. H. C. Artmann, Konrad Bayer und Gerhard Rühm setzten in ihren Mini-Theaterstücken der 50er und 60er Jahre eine „lustige Figur“ nach der anderen in Szene: den derb-komischen Hanswurst, den schlagfertigen Kasper, den gewalttätigen Punch oder den melancholischen Pierrot. Diesen clownesken Figuren galt auch Embachers Interesse schon lange. Allesamt miteinander verwandt haben sie doch persönliche Eigenarten und Ausprägungen. Pulcinella ist dabei die undurchschaubarste, universellste Figur.

Er tut alles für und alles gegen sich selbst, ist Gestalter und Mörder seiner selbst und somit Gleichnis für die schöpferische Reinheit ohne Sinn und Wirkung. Als Substrat und Antagonist seiner selbst tritt Pulcinella nie allein auf. Immer in einer Pulcinellenschar oder zumindest mit einer Pulcinellenpuppe im Arm, gebiert er sich selbst aus den Eiern, die seinem Buckel entspringen, macht sich selbst den Prozess, ermordet sich und betrachtet sein eigenes Grab.

Er ist nicht zuordenbar, weil er „alles“ ist. Mit großer Selbstverständlichkeit und Freude nimmt Pulcinella jeden Charakter an. Diesen offenen Charakter in ein uns täglich betreffendes Spiel treten zu lassen macht ihn zum Mittler von Ambivalenzen. Pulcinella eröffnet so die Möglichkeit sich komplexen Themen auf figurale Art zu nähern.

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