Farben hören, riechen, schmecken

Kunst setzt Wahrnehmung in Gang, kann diese irritieren und zur Selbstreflexion auffordern. Sie bietet dem Betrachter einen Spiegel an, in dem er sich und seine (unbewusste) Wahrnehmung beobachten kann. Unsere Sinne agieren niemals getrennt, sondern parallel auf vielen Fronten. Eine Besonderheit stellt die synästhetische Wahrnehmung dar, die individuell unterschiedlich stark ausgeprägt und durch Kunstbetrachtung bewusst gemacht und trainiert werden kann.

„Ein Bild muss klingen und von einem inneren Glühen durchtränkt sein.“ sagte der Künstler Wassily Kandinsky.

Die Analogie von sichtbarer Farbe und hörbarem Klang beschäftigte schon Isaac Newton.  Die auf einer Geraden liegenden Spektralfarben bog er zu einem Kreis, den er mit der Mischfarbe Magenta schloss. Der Kreis bestand so aus sieben Farben, welche Newton den sieben Klängen der dorischen Tonleiter zuordnete.

Auch Kandinsky zog konkrete Parallelen und verglich Farbtönen mit Klängen diverser Musikinstrumente. So entsprechen laut Kandinsky Blautöne, nach Helligkeitsgrad abgestuft, dem Klang der Flöte, des Cellos, der Bassgeige und der Orgel. Helles, warmes Rot entspricht Fanfaren, bei denen die Tuba mitklingt, welche er auch dem Zinnoberrot zuordnet. Dunkles Krapprot ist analog dem Cello und helles den Klängen der Geige.  Orange wiederum entspricht der Altgeige, beziehungsweise mittleren Kirchenglocken. Gelb vergleicht Kandinsky mit den Fanfaren und Trompeten.

Für Wassily Kandinsky war die Musik anfangs der Ausgangspunkt seiner Malerei; in weiterer Folge beschrieb er das Phänomen der Synästhesie, bei dem es nicht um aufeinanderfolgende Wahrnehmungen, also einem Ausgangspunkt und dessen Umsetzung mit einem anderen Medium geht, sondern um die Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung verschiedener Sinne

Auch in der Literatur finden sich etliche Metaphern, die sich auf Analogien verschiedener Sinnesbereiche stützen. 1872 verfasste Artur Rimbaud das Sonett „Vokale“

A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau – Vokale,
eines Tages bring ich es aus Euch zur Welt:
A, schwarzes Leibchen von Fliegen im Feld,
die um greulichen Dunst gepaart wie Schakale,

Schattenbuchten; E Verführung von Rauch und Zelten,
Gletscherstahl kühn, weiße Herren, kitzelnde Doldenrippen;
I Purpurtöne, ausgespienes Blut, Lächeln schöner Lippen,
bevor sie sich zu Raserei und geilem Rausch entstellten;

U, Zyklen, göttliches Vibrieren der Tiefseespalten,
Friede tierbesäter Haine, Friede der Falten,
die im Studium der Alchemie die Stirnen füllen;

O, himmlische Posaune voll quietschender Gestänge,
stille Räume quer durch die Zeiten und Engel:
– O Mega-O, violettes Brennen Ihrer Pupillen!

Aus dem Französischen von Jan Volker Röhnert

Unterschiedliche Sinneswahrnehmungen finden auch sich in etlichen im Alltag gebräuchlichen Sprachmetaphern. Ebenso werden oft dieselben sprachliche Begriffe zur Beschreibung und Analyse unterschiedlicher Sinnesreize verwendet. Das beginnt schon mit dem Begriff der Komposition, der für bildliche Darstellungen und musikalische Werke, aber auch für Duftkreationen und Speisen verwendet wird.  Intervall, Akkord, Ton, Note, Rhythmus, Komposition, Konsonanz, Dissonanz, Motiv, Kanon, … usw. sind nur einige Beispiele für Begriffe, die sowohl in der Musik wie auch in der Bildenden Kunst angewendet werden und mittlerweile auch Eingang in die Welt des Geruchs und des Geschmacks gefunden haben. Sichtbare Praxis sind bildliche Darstellungen, bei denen Töne, Düfte oder Geschmäcker mit Farben verglichen und dargestellt werden.

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